Wense CD-Einspielung von Steffen Schleiermacher

Westdeutscher Rundfunk 2021
Ursendung: 13.03.2021 (WDR 3)

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"Schon der Versuch, Wense zu bestimmen, heißt seine Flüchtigkeit zu bestimmen“, sagt der Literaturwissenschaftler Reiner Niehoff. "Der Sinn in mir heißt Wandlung. Wandlung ist Treue“ antwortet Hans Jürgen von der Wense (1894 - 1966) auf einer der 60.000 Manuskriptseiten, die er nach seinem Tod hinterlässt. Nach dem Ersten Weltkrieg wühlte er als junger Komponist mit radikalen Gesten die Berliner Musikszene auf. Sein Name wurde schon in einem Atemzug genannt mit Satie, Prokofjew, Schönberg und Strawinsky. Doch in dem Moment, wo Anerkennung und Erfolg zum Greifen nahe waren, zog er sich an die Ostsee zurück, um den "Opern und Akten des Wetters“ zu lauschen, den "Oratorien der Luft“. Arnold Schönbergs Zwölf-Ton-Musik ließ Wense hinter sich und machte sich stattdessen auf die Suche nach der Ein-Ton-Musik in der Natur: "Ich lege meine Ohren an einen Halm. Dann gibt es einen Ton. Wir sitzen ganz still. Wir hören auf den Wind."
Später wird er Schriften aus über 100 Sprachen übersetzen, einen Erdbebenkatalog verfassen, die Sterne und das Wetter studieren und systematisch einen kleinen Raum um Kassel abwandern. Alles, was er sieht, wird dokumentiert und in Mappen sortiert. Bis zu seinem Tod arbeitet er unermüdlich an einem weltumspannenden Zettelwerk. Als er 1966 völlig verarmt stirbt, hat die Welt Hans Jürgen von der Wense längst vergessen.

"Attempting to define Wense is to define his fleetingness," says literary scholar Reiner Niehoff. "The sense in me is called transformation. Transformation is fidelity," replies Hans Jürgen von der Wense (1894 - 1966) on one of the 60,000 manuscript pages he leaves behind after his death. After World War I he stirred up the Berlin music scene as a young composer with radical gestures. His name was already mentioned in the same breath as Satie, Prokofiev, Schoenberg and Stravinsky. But at the moment when recognition and success were within reach, he retreated to the Baltic Sea to listen to the "operas and acts of the weather", the "oratorios of the air". Wense left Arnold Schoenberg's twelve-tone music behind and instead set out to find the one-tone music in nature: "I put my ears to a blade of grass. Then there is a sound. We sit very still. We listen to the wind." Later, he will translate writings from over 100 languages, write an earthquake catalog, study the stars and weather, and systematically walk a small area around Kassel. Everything he sees is documented and sorted into folders. Until his death, he works tirelessly on a world-spanning work of paper snippets. When he dies in 1966, completely impoverished, the world has long forgotten Hans Jürgen von der Wense.

Mit: Reiner Niehoff, Valeska Bertoncini, Steffen Schleiermacher.
Es sprachen: Stefko Hanushevsky, Bruno Winzen, Nicolai Hanushevsky
Technische Realisation: Henning Schmitz
Regieassistenz: Ellen Versteegen
Komposition & Regie: Janko Hanushevsky
Redaktion: Imke Wallefeld
Produktion: Westdeutscher Rundfunk 2021

Länge: 53:41

2021-03-12